Deniz Aytekin im Interview
Im Interview spricht Deniz Aytekin über Entscheidungsfindung in Sekundenschnelle und technische Entscheidungs-Unterstützung.
Interview mit Deniz Aytekin | Leading Decisions
Im Interview mit GuideCom spricht Deniz Aytekin, langjähriger DFB-Schiedsrichter, über Entscheidungsfindung in Sekundenschnelle, technische Unterstützung auf und neben dem Fußballplatz und darüber, ob man gutes Entscheiden trainieren kann.
Deniz, wenn man nur wenige Sekunden Zeit für eine Entscheidung hat – woran erkennt man im Moment, dass es die richtige ist?
„In der Entscheidungsforschung spricht man oft von Intuition oder Bauchgefühl. Am Ende ist das nichts anderes als über Jahre aufgebautes Erfahrungswissen in einem bestimmten Bereich. Ich habe über die Jahre viele Fehler gemacht – und genau daraus entsteht dieses Gefühl, in einer Situation zu erkennen, ob eine Entscheidung wahrscheinlich richtig ist oder nicht.
Hinzu kommen bestimmte Heuristiken, also vereinfachte Entscheidungsregeln. In einem komplexen Moment reduziert man bewusst Informationen, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.
Auf dem Spielfeld sind das zum Beispiel Dinge wie Körpersprache, Mimik oder Reaktionen der Spieler. Daraus lässt sich oft ableiten, ob eine Entscheidung stimmig ist.
In den meisten Fällen funktioniert das sehr gut – aber es gibt natürlich auch Situationen, in denen man falsch liegt. Das gehört dazu.“
Wie gehst du mit Fehlentscheidungen um – und was können Führungskräfte davon lernen?
„Zunächst braucht es das richtige Mindset. Wer Verantwortung übernimmt – egal, ob als Führungskraft, Entscheider oder Schiedsrichter –, muss akzeptieren, dass Fehler dazugehören – und dass es immer Menschen geben wird, die Entscheidungen kritisch sehen.
Wenn ich in ein Stadion gehe und 80.000 Menschen mich auspfeifen, weiß ich: Das richtet sich nicht gegen mich persönlich, sondern gegen meine Rolle.
Was nach Fehlern bei mir aber definitiv kommt, ist die selbstkritische Analyse. Ziel ist es, die Fehlerquote zu minimieren – nicht, sie komplett zu vermeiden. Daher stellt man sich viele Fragen: Woran lag es? War die Position falsch? Das Sichtfeld eingeschränkt? Der Fokus nicht richtig gesetzt?
Wichtig ist aber auch, nach der Analyse einen klaren Schnitt zu machen und das abzuhaken. Wer zu lange an Fehlern festhält, verliert den Fokus für die nächste Entscheidung. Und genau das führt oft zu weiteren Fehlern. Die eigentliche Kunst besteht darin, schnell zu reflektieren – und dann konsequent nach vorne zu schauen.“
Inwiefern unterstützen Technik und KI dich bei deinen Entscheidungen – und wo liegen die Grenzen?
„Technik und KI können heute viele faktische Entscheidungen sehr zuverlässig treffen. Beispiele sind Abseitsentscheidungen oder die Frage, ob der Ball hinter der Linie war – das lässt sich technisch exakt messen. Auch bei bestimmten Spielsituationen, etwa Handspiel, gibt es inzwischen KI-gestützte Ansätze zur Unterstützung.
Grenzen gibt es dort, wo es um Interpretation und Intention geht. Technik kann zwar bereits bestimmte Emotionen erfassen, aber nicht in den Kopf eines Spielers schauen und keine Intentionen erkennen.
Solange es also Graubereiche gibt – und die gibt es im Fußball weiterhin –, wird es Diskussionen geben. Über klare Fakten spricht heute kaum noch jemand, aber über Interpretationsspielräume sehr wohl.“
Braucht es bei aller Technik auf dem Fußballfeld überhaupt noch menschliche Schiedsrichter?
„Für mich war ein Fußballspiel in der Vergangenheit immer auch ein Stück weit ein Kunstwerk. Die Spieler gestalten dieses Spiel als Künstler – und ich begleite es als Schiedsrichter und frage mich, inwieweit ich in dieses Kunstwerk eingreifen soll.
Der Spielraum wird allerdings kleiner. Durch die Vielzahl an Kameras und die hohe Transparenz ist fast alles sichtbar. Das Gespür, wann man mal einen Pfiff weglassen kann und wann nicht, wird immer weniger, weil die Macht der Bilder alles erschlägt, was man als einzelner Schiedsrichter, oder Schiedsrichterteam, subjektiv wahrnimmt.
Trotzdem gibt es weiterhin Situationen, in denen der Mensch eine wichtige Rolle spielt. Eine zentrale Aufgabe ist es, Emotionen wahrzunehmen und einzuordnen.
Man erkennt, ob ein Spieler angespannt, frustriert oder übermotiviert ist – und kann entsprechend reagieren. So kann man Spieler und Spiele beruhigen. Dieser zwischenmenschliche Aspekt lässt sich aktuell nicht durch Technik ersetzen.
Wenn irgendwann Roboter gegeneinander spielen und alles klar definiert und objektiv ist, braucht man keine menschlichen Schiedsrichter mehr. Aber solange Menschen auf dem Platz stehen, braucht es auch weiterhin einen Menschen, der die Entscheidungen trifft.“
Wie trainierst du Entscheidungsfähigkeit, sodass sie auch unter Druck abrufbar bleibt?
„Wir schauen uns jede Situation nochmal an. Am Ende ist Entscheidungsfähigkeit das Ergebnis permanenter Analyse, Vorbereitung und Nachbereitung.
Nach einem Spiel gleiche ich meine Wahrnehmung mit den verfügbaren Bildern ab. Ich schaue mir an: Was habe ich in der Situation gesehen – und wie stellt sich die Szene aus anderen Perspektiven dar? Heute hat man den Vorteil, Situationen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln analysieren zu können. Das hilft enorm, die eigene Wahrnehmung zu schärfen.“
Vielen Dank für das Gespräch, Deniz!