Herbert Diess im Interview
Im Interview spricht Herbert Diess über KI, Transformation und die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Interview mit Herbert Diess | Leading Decisions
Im Interview mit GuideCom spricht Herbert Diess, Aufsichtsratsvorsitzender Infineon Technologies AG, ehem. Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, über Chancen – für Deutschland, Unternehmen und Entscheider. Dabei wird deutlich: KI und Technologie bieten so viele Chancen wie selten zuvor, aber es braucht unternehmerischen Mut, Intuition und Daten, um diese Chancen zu nutzen.
Herr Diess, warum liegen im Bereich KI so viele Chancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
„Die Welt ist voller Chancen – und die technischen Innovationen, die wir derzeit erleben, eröffnen aus meiner Sicht viele Möglichkeiten, insbesondere auch für Deutschland. Entscheidend für Unternehmen ist, diese Chancen früh zu erkennen, darüber zu diskutieren – und nicht nur die Risiken in den Vordergrund zu stellen.
Ich kann ein Beispiel aus meiner Zeit bei Infineon nennen: Wir stellen keine KI-Chips her, sondern vor allem Leistungshalbleiter. Aber wir haben früh erkannt, dass die Energieversorgung für die großen Rechenzentren ein entscheidender Faktor wird. In diesem Bereich haben wir uns sehr schnell eine starke Position erarbeitet und wachsen heute mit der KI-Industrie.
Solche Chancen zu erkennen und zu nutzen, ist aus meiner Sicht außerordentlich wichtig – gerade für Deutschland. Wir stehen vor Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, Fachkräftemangel und einer zu geringen Produktivitätsentwicklung.
Mit den neuen Technologien bekommen wir jetzt eine Toolbox an die Hand, mit der wir viele dieser Probleme angehen können. Deutschland hat nach wie vor eine starke, breit aufgestellte Industrie – und genau darin liegt eine große Chance. Wenn wir diese Möglichkeiten konsequent nutzen, können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit deutlich steigern.“
Wie können Unternehmen den notwendigen strukturellen Wandel gestalten?
„Struktureller Wandel ist gerade für etablierte und erfolgreiche Unternehmen besonders schwierig, die sich über Jahre hinweg Kernkompetenzen aufgebaut und eine starke Wettbewerbsposition erarbeitet haben.
Ein Beispiel ist der Wechsel zur Elektromobilität. Deutschland ist traditionell sehr stark im Motorenbau und hat hier weltweit eine führende Position. Ein solcher Umbruch stellt dann plötzlich vieles in Frage. Das macht es für Organisationen schwierig, loszulassen und sich neu auszurichten – je größer und erfolgreicher, desto schwieriger.
Aus meiner Erfahrung kann es deshalb sinnvoll sein, neue Themen in eigenständigen Organisationen zu entwickeln – etwa in Start-ups oder durch Beteiligungen. Gerade wenn völlig neue Kompetenzen erforderlich sind, ist es oft nicht der beste Weg, alles innerhalb bestehender Strukturen umzubauen.
Die Vergangenheit zeigt, dass sich etablierte Unternehmen mit solchen Transformationen häufig schwertun, während Start-ups, die sich vollständig auf das Neue konzentrieren, oft bessere Voraussetzungen haben – vorausgesetzt, sie sind ausreichend finanziert.
Trotzdem gibt es auch immer wieder neue Chancen für sehr etablierte Unternehmen mit ihren Fähigkeiten. In vielen Fällen lassen sich bestehende Kompetenzen auch in anderen Bereichen nutzen.
Am Ende hängt der richtige Weg stark von der individuellen Situation des Unternehmens ab. Klar ist aber: Der Wandel ist anspruchsvoll – und nicht jede Transformation gelingt im bestehenden System.“
Für welche Unternehmen bietet KI die größten Chancen?
„KI ist eine Aufgabe für alle. Für etablierte Unternehmen geht es vor allem darum, Produktivität und Geschwindigkeit zu gewinnen. Für Start-Ups ist KI ebenfalls eine Riesenchance. In meiner aktuellen Gründung verzichten wir beispielsweise komplett auf klassische Systeme wie SAP oder Salesforce. Stattdessen setzen wir auf eine datenbank- und agentenbasierte Struktur. Auch Dinge wie Websites oder Inhalte entstehen heute ganz anders mit KI.
Das gilt natürlich nicht nur für Start-Ups – auch bei Infineon arbeiten wir kontinuierlich daran, Prozesse zu automatisieren und KI-Agenten an bestehende Systeme anzubinden. Insofern gilt: KI ist ein Thema für Start-ups genauso wie für etablierte Unternehmen.“
Wie stellt man hohe Entscheidungsqualität sicher – auch gegen interne und externe Widerstände?
„Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin selbst Ingenieur und versuche deshalb, Themen zunächst technisch zu verstehen und mir ein klares Bild zu machen: Kann es funktionieren – oder nicht?
Es gibt viele Hypes, die sich am Ende nicht durchsetzen. Beispiele dafür sind etwa synthetische Kraftstoffe, Brennstoffzellen oder aktuell auch Wasserstoff in bestimmten Anwendungen. Wenn man sich intensiv damit beschäftigt, erkennt man oft relativ schnell, ob ein Durchbruch realistisch ist oder nicht. Ähnlich ist es bei der Diskussion um eine Rückbesinnung auf Atomenergie, die aus meiner Sicht langfristig nicht wettbewerbsfähig sein wird.
Entscheidend ist, dass man die zugrunde liegende Physik, aber auch aktuelle Kundenbedürfnisse und die Marktperspektive versteht. Das muss man natürlich nicht alleine – ein kompetentes Team kann diese Fragen gemeinsam angehen.
Auf dieser Basis kann man fundierte Entscheidungen treffen – auch wenn sie manchmal gegen den Mainstream gehen. Natürlich liegt man nicht immer richtig, aber mit einer sauberen Analyse und einem starken Team erhöht sich die Wahrscheinlichkeit deutlich.
Und dann ist es wichtig, sich nicht verunsichern zu lassen, wenn es zunächst Kritik oder Unverständnis gibt. Wenn die Grundlage stimmt, wird sich eine gute Entscheidung langfristig durchsetzen.“
Was braucht Deutschland jetzt, um als Wirtschaftsstandort weiterhin stark und zukunftsfähig aufgestellt zu sein?
„Ich glaube, wir haben lange genug analysiert, was alles nicht funktioniert. In den letzten Jahren wurde viel darüber diskutiert – Energiepreise, Arbeitszeiten, die Leistungsfähigkeit der nächsten Generation. Und oft ist an diesen Punkten auch etwas dran.
Aber jetzt muss der Fokus auf dem Handeln liegen.
Deutschland hat nach wie vor große Stärken – etwa leistungsfähige Unternehmen und herausragende Start-Ups. Entscheidend ist, dass wir diese Stärken weiterentwickeln und Chancen nutzen.
Dafür braucht es einen gemeinsamen Kraftakt: die Verantwortung liegt nicht allein bei der Politik, dem Kanzler, den Gewerkschaften oder Führungskräften – jeder kann einen Beitrag leisten. Wichtig ist dabei der Perspektivwechsel: wenn wir weiterhin nur denken, dass alles schlechter wird, dann wird es das auch. Stattdessen müssen wir anpacken: Oberkörper nach vorne und dann können wir die vorhandenen Chancen nutzen.“
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Diess!