Jörg Bienert über KI und Digitale Souveränität

Im Interview spricht Jörg Bienert darüber, wo Deutschland bei KI steht und welche Risiken durch technologische Abhängigkeiten entstehen können.

Jörg Bienert

KI in Deutschland: Zwischen Potenzial und Abhängigkeit | Interview mit Jörg Bienert

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Jörg Bienert, stellvertretender Geschäftsführer des KI-Bundesverbands, ordnet im Interview die aktuelle Position Deutschlands im internationalen KI-Wettbewerb ein. Er zeigt, wo Stärken liegen, wo Abhängigkeiten entstehen – und warum digitale Souveränität und strategisches Denken entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen sind.

Herr Bienert, wo steht Deutschland aktuell bei Künstlicher Intelligenz?

„Man kann grob drei Bereiche unterscheiden.

In der Forschung war Deutschland lange sehr stark und ist es in Teilen noch immer. Viele zentrale Entwicklungen wurden maßgeblich von deutschen Wissenschaftlern mitgeprägt. 

Bei der Anwendung sieht es ebenfalls gut aus. Studien zeigen, dass Deutschland insbesondere in industriellen KI-Anwendungen gut aufgestellt ist.

Eine große Lücke sehe ich jedoch bei den grundlegenden Technologien – insbesondere bei Foundation Models, also den großen Sprachmodellen, die heute das Fundament des gesamten KI-Ökosystems bilden. Hier liegen die USA und China deutlich vorne – sowohl technologisch als auch bei den Investitionen.“

Wo liefert KI heute trotzdem bereits messbaren wirtschaftlichen Nutzen innerhalb Deutschlands – und wo liegt das größte Potenzial?

„KI ist heute in nahezu allen Industrien und allen Bereichen der Wertschöpfung angekommen – von der persönlichen Produktivität über Informationsverarbeitung bis hin zur Automatisierung kompletter Workflows. Großen Nutzen sehe ich insbesondere im Bereich Softwareentwicklung. Mit teilweise Verzwanzigfachungen der Produktivität kann man hier von einer Disruption sprechen. 

Gleichzeitig halte ich es für problematisch, KI nur auf reine Effizienzsteigerungen zu reduzieren. Viele Unternehmen sollten weitergehen und sich fragen, wie ihre Organisation aussehen würde, wenn sie von Grund auf mit KI neu gedacht würde. Denn KI ermöglicht nicht nur schnellere Prozesse, sondern völlig neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle.“

Ist KI damit eine strategische Notwendigkeit für Unternehmen?

„Definitiv. Die Situation erinnert an die Frage vor 20 bis 25 Jahren, ob ein Unternehmen unbedingt ins Internet muss. Heute ist diese Frage längst beantwortet – ohne Internet sind viele Geschäftsmodelle nicht mehr denkbar.

Bei KI sehen wir eine ähnliche Entwicklung, allerdings deutlich schneller. Damals musste die notwendige Infrastruktur erst aufgebaut werden – heute ist vieles schon vorhanden. Massive Investitionen beschleunigen die Entwicklung zusätzlich. Hinzu kommt ein selbstverstärkender Effekt: KI wird genutzt, um KI weiterzuentwickeln. Dadurch steigt die Geschwindigkeit der Innovation noch einmal deutlich.

Wer hier anpassungsfähig bleibt und dieses Potenzial konsequent ausschöpft, ist für die Zukunft gut aufgestellt. Unternehmen, die sich nicht anpassen, laufen hingegen Gefahr, sehr schnell den Anschluss zu verlieren.“

Wenn KI für Unternehmen strategisch so entscheidend wird: Welche Rolle spielt dabei das Thema digitale Souveränität?

„Digitale Souveränität bedeutet vor allem, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren – und davon sehe ich aktuell mehrere: wirtschaftliche Abhängigkeit von großen Anbietern, Datenschutz- und Datensicherheitsfragen, politische Einflussmöglichkeiten und auch Unterschiede in Wertevorstellungen und ethischen Leitlinien.

Der letzte Punkt ist besonders relevant, weil bei Sprachmodellen, anders als bei anderen IT-Systemen, nicht nur Technik, sondern auch bestimmte Sichtweisen und Entscheidungslogiken enthalten sind. Hier möchte man als Unternehmen nicht von den Launen einzelner Akteure abhängig sein.“

Neben diesen strategischen Abhängigkeiten: Wo liegen die größten technologischen Abhängigkeiten – und wie kann man ihnen begegnen?

„Was Hardware betrifft, etwa Chips, ist die Abhängigkeit weniger kritisch. Das sind physische Güter, die einmal installiert werden und dann zunächst verfügbar bleiben.

Kritisch wird es vor allem im Bereich der Cloud-Infrastruktur. Viele Unternehmen sind derzeit dauerhaft auf solche Services und Plattformen angewiesen – und gleichzeitig gibt es nur wenige Anbieter. Wenn zentrale Dienste ausfallen oder langfristig nicht mehr nutzbar sind, hätte das massive Auswirkungen, da ein Großteil der Systeme stillstehen würde. Ich vergleiche das gerne mit dem Szenario aus dem Roman Blackout, wo anschaulich gezeigt wird, was passiert, wenn kritische Infrastruktur von heute auf morgen wegfällt.

Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig mit alternativen Infrastrukturen und offenen, unabhängigen Lösungen auseinanderzusetzen – auch wenn diese aktuell noch weniger komfortabel sind. Das sollte nicht aus Pessimismus geschehen, sondern aus strategischer Vorsorge.“

Welche Akteure müssen handeln, damit wir digital souveräner werden?

„Es braucht ein Zusammenspiel aus Politik und Wirtschaft.

Einzelne Initiativen und Projekte gibt es bereits – etwa durch Verbände, Forschungskooperationen oder neue Zentren für KI-Entwicklung, wie das Center for Sovereign AI (CESAI) in Köln. Das sind jedoch nur Bausteine.

Entscheidend ist eine übergeordnete Strategie, die über Einzelprojekte hinausgeht. Diese muss politisch koordiniert werden, gleichzeitig aber stark von der Wirtschaft getragen sein.

Unternehmen sollten dabei stärker über kurzfristige betriebswirtschaftliche Zyklen hinausdenken und auch die langfristige volkswirtschaftliche Perspektive berücksichtigen. Nur wenn hier ein gemeinsamer Ansatz entsteht, lassen sich tragfähige Alternativen aufbauen.“

Welche Rolle spielt Europa in diesem Kontext?

„Ein Schulterschluss auf europäischer Ebene wäre langfristig ideal. Europäische Entscheidungsprozesse sind allerdings oft langsam. Deshalb kann es sinnvoll sein, auf nationaler Ebene schneller voranzugehen – gleichzeitig aber europäisch abgestimmt zu bleiben. 

Entscheidend ist dabei, dass wir in Deutschland Geschwindigkeit aufnehmen. Das Bewusstsein für die Wichtigkeit der aktuellen Entwicklungen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, aber die Herausforderung liegt in der Bereitschaft, wirklich Konsequenzen zu ziehen und in die Umsetzung zu gehen.

Einen zentralen Grund dafür sehe ich in der Art, wie wir strategisch denken: Zu häufig wird vom Status quo ausgegangen und dieser bestenfalls linear in die Zukunft fortgeschrieben. Die Entwicklung von KI verläuft jedoch exponentiell. Strategien, die sich an der heutigen Situation orientieren, sind oft schon überholt, wenn sie umgesetzt werden. Deshalb braucht es stärkeres Denken in Zukunftsszenarien und klare Handlungsoptionen, die darauf aufbauen.“ 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bienert!

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